R.I.P Gabriel. 10/2003 bis 20.03.2019.

Wenn ich nicht mehr da bin, dann lasst mich los, Lasst mich gehn

Wenn ich nicht mehr da bin, 
dann lasst mich los, 
Lasst mich gehn, 
Ich habe so viele Dinge zu tun und zu sehn 
Weint nicht wenn ihr an mich denkt, 
Seid dankbar für die schönen Jahre, 
Ich gab euch meine Freundschaft, 
Ihr könnt nur erahnen 
Welches Glück ihr mir gegeben habt. 
Ich danke euch für die Liebe die ihr mir jeder erwiesen habt 
Jetzt ist es Zeit ,allein zu reisen. 
Während einiger Zeit werdet ihr leiden. 
Die Zuversicht wird euch stärken und euch Trost bringen. 
Wir werden für einige Zeit getrennt sein. 
Lasst es zu, dass gute Erinnerungen euren Schmerz lindern, 
Ich bin nicht weit und das Leben geht weiter… 
Wenn ihr es braucht, dann ruft mich und ich werde kommen, 
Auch wenn ihr mich nicht sehen oder berühren könnt, 
ich werde da sein..

Und wenn Ihr in eure Herzen lauscht,
Werdet ihr sie deutlich fühlen 
Die Süße der Liebe, 
die ich euch bringe. 
Und wenn es Zeit ist für euch zu gehen, 
Werde ich da sein, um euch willkommen zu heißen. 

Geht nicht an mein Grab, um zu weinen, 
Ich bin nicht da, 
ich schlafe nicht, 
Ich bin tausend Winde, die wehen, 
Ich bin das Funkeln der Schneekristalle 
Ich bin das leuchtende Gold der Weizenfelder, 
Ich bin der sanfte Regen im Herbst, 
Ich bin das Erwachen der Vögel in der Morgenstille, 
Ich bin der Stern, der in der Nacht erstrahlt, 

Geht nicht an mein Grab, um zu weinen, 
Ich bin nicht da, 
Ich bin nicht tot.

(Ein indianisches Gebet über die Vergänglichkeit des Lebens)

„Manchmal habe ich das höchst seltsame Gefühl, früher ein Wolf gewesen und nun bloß noch ein dummer Labrador zu sein. Brenin repräsentiert für mich nun einen Teil meines Lebens, der nicht mehr existiert. Das Gefühl ist bittersüß. Ich bin traurig, weil ich nicht mehr der Wolf bin, der ich war. Und ich bin glücklich, weil ich nicht mehr der Wolf bin, der ich war. Aber vor allem war ich einst ein Wolf. Ich bin ein Geschöpf der Zeit, doch ich erinnere mich weiterhin daran, das es auf die höchsten Momente ankommt – auf Momente, die wie Gerstenkörner zur Erntezeit über das Leben verstreut sind – nicht darauf, wo man beginnt und wohin man gelangt.“
Mark Rowlands – Der Philosoph und der Wolf

Ich ertappe mich dabei, wie ich mir immer noch den Kopf darüber zerbreche, was ich noch alles gegen Gabriels Arthrose tun könnte…
Vom Küchenfenster kann ich direkt in sein Wolfshaus sehen – mein Blick fällt direkt auf sein Bett….

Er ist nicht dort. Er ist jetzt überall. Immer wenn ich diesen Schmerz spüre, fühle ich tatsächlich, das er da ist. Irgendwie.
Mittags um 12 werde ich zappelig – Gabriel hat seit vielen Monaten 3-4 mal täglich seine Mahlzeit bekommen – wegen seiner altersgemäß erhöhten Zuckerwerte.
2 Tage nach seiner letzten Reise bin ich deshalb Hals über Kopf aus Kalamata zurück nach Hause gefahren – auf dem Weg fiel es mir ein..
Ich bin – bis auf 4 Tage – nicht mehr verreist seit 3 Jahren – ich wollte bei ihm sein, wenn „es“ soweit ist.

In den letzten Wochen seines – und unseres gemeinsamen – Lebens hatten wir „nur“ mental miteinander zu tun. Er wollte keine physische Nähe. Wenn ich sein Wolfshaus betreten habe, ging er raus. Soweit er eben noch gehen konnte..in freier Wildbahn hätte er sich irgendwohin zurück gezogen um zu sterben. Ich habe seinen Willen respektiert – und ihn durch unser Küchenfenster beobachtet.

Erst als der Tierarzt kam, hat er sich wieder von mir in den Arm nehmen lassen. Ich habe seine Ohrmuscheln massiert – er liebte das. Und ich habe in seine Augen gesehen – und er in meine. Ich wollte, das unsere Blicke verschmelzen in diesem letzten Moment, als letztes und ewiges Versprechen in diesem Sein, die Besiegelung des Bündnisses, das wir sowieso hatten und haben, für alle Zeit.

Ob ich meine Entscheidung, die Verantwortung für Gabriel zu übernehmen bereue? Nein! Es gibt niemanden und nichts in meinem Leben, von dem ich mehr über das Leben – und während seiner Lebenszeit über den Tod gelernt habe, als von ihm.
Ob ich es hier und Heute nochmal tun würde? Nein. Ich hatte wirklich unvorstellbares Glück mit Gabriel.

Nur seiner Klugheit, seiner sozialen Überlegenheit und Güte ist es geschuldet, das es außer „einigen“ bedauernswerten Ziegen und Schafen – und einem suizidalen Fuchs – nichts zu beklagen gab.

Was allerdings – damals und Heute – meine große Trauer, meine „Schuld“ und mein größter Schmerz ist, ist die Tatsache, das er ein Leben in Freiheit verdient hatte. Er wäre ein wundervoller, ein großartiger Leitwolf gewesen!!! Es gab damals keine reale Möglichkeit – und dennoch ist dies mein größter Hader. Irgendwann – wenn ich bereit bin – schreibe ich seine Geschichte, in der ich eine Rolle spielen durfte – von Anfang an.

Wenn ich jetzt und Morgen und alle Tage meinen Blick aus dem Fenster lenke, kann ich immer noch sehen..wie er über das Grundstück streicht, ohne das seine Läufe den Boden berühren, kein Grashalm bewegt sich – er fliegt..und ich sehe die riesigen Pinien unter denen wir Nachts zu unzumutbar lauter Musik getanzt haben als er noch klein war..

Ich glaube, man fragt sich am Ende immer, warum man all die schönen Momente nicht immer und immer wieder wiederholt hat. Wann haben wir aufgehört zu tanzen? Wann haben wir uns verändert?

15 Jahre sind eine Zeit – 2 Generationen wie man sagt – und auch der Tanz des Lebens geht irgendwann in die nächste Phase. Ganz am Ende waren wir wieder wie damals am Anfang – sein wunderschöner Kopf lag in meinen Armen und unsere Augen und unsere Seelen waren verbunden wie am allerersten Tag als das höchst seltsame, kleine, verflohte und streng riechende Wunder in meinem Arm mich „gesehen“ hat – und ich ihn.

Ich möchte mit den Worten meiner Seelenfreundin Micha abschließen:

“ ich sehe ihn auf einer riesengrossen wiese….umgeben von wäldern…bächen….bergen.
gemeinsam mit einer weissen wölfin und ihren drei kleinen wölfen.
er ist glücklich und frei.“

Ich bedanke mich in Demut – bei Gabriel. Und bei allen, die ihn „erkannten“ – für Eure Berührung auf die eine oder andere Art. Danke Gabriel – für das Geschenk das Du warst und das Du BIST. Für immer.

„Am Ende fließen alle Dinge ineinander
und aus der Mitte entspringt ein Fluss.
Der Fluss wurde bei der großen Überschwemmung der Welt begraben
und fließt aus dem Keller der Zeit über Steine.
Auf einigen der Steine befinden sich zeitlose Regentropfen.
Unter den Steinen sind die Wörter,
doch einige der Wörter wird man nie verstehen.“
(Gedicht am Ende des Films ‚Aus der Mitte entspringt ein Fluss‘)

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